Review: Was dann nachher so schön fliegt

Eigentlich möchte Volker Winterberg Schriftsteller werden, am liebsten ein gefeierter Lyriker, wie sein großes Vorbild Peter Rühmkorf. In seinen Tagträumen jedenfalls ist Volker schon auf dem Gipfel des Erfolges; er nimmt an Tagungen der Gruppe 47 Teil, die zu dem Zeitpunkt (wir schreiben die 1980er Jahre) natürlich schon lang nicht mehr existiert, oder er trifft bei einem Ausflug plötzlich auf Günter Grass…
Doch all das sind eben nur Tagträume.

In der Realität leistet Volker gerade seinen Zivildienst in einem Altenheim im Ruhrgebiet ab, wo er den pflegebedürftigen Senioren das Essen anreicht, mit ihnen Kontinenztraining macht und ihnen aus der Zeitung vorliest.

Doch dann erhält Volker eine Einladung nach Westberlin. Dort nämlich hat er mit einem seiner Gedichte die Teilnahme an einem Workshop für Nachwuchsschriftsteller gewonnen.
Endlich fühlt sich Volker in seinem Traum Schriftsteller zu werden ernst genommen und kann es kaum erwarten, dem Alltag des Pflegeheimes zu entkommen.

Doch auch in Berlin fühlt sich Volker nicht wirklich richtig am Platz.
Statt anregender Gespräche mit Gleichgesinnten gibt es schon am ersten Tag regelrechte Grabenkämpfe um die Gunst der Dozenten, die er fassungslos verfolgt.
Dennoch scheinen einige andere Teilnehmer absolut davon überzeugt zu sein, daß Volker perfekt in diese Gruppe passt. Gleich zwei davon verlieben sich in ihn und ermutigen ihn, sich für Stipendien und Literaturpreise zu bewerben.
Doch zurück im Altenheim begreift Volker, daß das Künstlerleben in Berlin für ihn genauso unbefriedigend ist, wie ein bürgerliches Leben ohne die Literatur.
Zeit also, einen eigenen Weg zu finden…

„Was dann nachher so schön fliegt“ habe ich auf Empfehlung eines lieben Kollegen hin gelesen, den das Buch schwer begeistert hat. Kein Wunder: immerhin wird er bald Deutschlehrer und die Art und Weise, wie sich Hilmar Klutes Protagonist durch die deutsche Literaturszene der Nachkriegszeit träumt ist aber auch wirklich charmant!

Besonders bezeichnend ist da beispielsweise eine Szene, in der Volker erzählt, wie er sich eine Ohrfeige von einer Klassenkameradin einfängt, als er eine flapsige Bemerkung zu John Lennons Ermordung macht, schließlich hat er keinerlei Bezug zur Musik der Beatles.
Als dann allerdings Heinrich Böll stirbt, ist es plötzlich Volker, der vor Trauer überwältigt ist und nun dafür von den Mädchen in seiner Klasse gefoppt wird.
Welchem Deutschlehrer würde angesichts eines solchen Literaturfanatikers nicht das Herz aufgehen?

Aber auch mir war Volker Winterberg sehr sympathisch.
Es hätte eine dieser Geschichten sein können, in der sich ein junger Mann zu Besserem berufen fühlt und schnell zum Widerling entwickelt, stattdessen verhält sich Volker immer hochanständig.
Als beispielsweise eine Workshopteilnehmerin sowohl von der Gruppe als auch dem Dozenten in Grund und Boden kritisiert wird, weil sie ihre esoterischen Gedichte zu Sphärenklängen vorliest, ist es alleine Volker, der dafür plädiert ihr nachzugehen und mit ihr zu reden.
Und auch die Beschreibung der Arbeit mit den Senioren im Pflegeheim war durchweg wertschätzend. Ich habe damals in meiner FOS-Zeit selbst ein halbes Jahr im Altenheim gearbeitet und fühlte mich durch dieses Buch sehr positiv an dieses Praktikum erinnert.

Hilmar Klute schreibt in einem sehr leichten, humorvollem Stil, bei dem er aber immer wieder durch unglaublich schöne und lyrische Sätze auffällt.
Wer Sven Regener mag, sollte auf jeden Fall mal einen Blick in „Was dann nachher so schön fliegt“ werfen.

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Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

3 Kommentare zu „Review: Was dann nachher so schön fliegt“

  1. Eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Sprachlich mehr als wunderbar, fliegt man regelrecht durch diesen Roman, was deine Besprechung wunderbar zum Ausdruck bringt.

    Liebe Grüße
    Marc

    P.S. Oben hat sich ein Fehlerteufel eingeschlichen: Der Dichter heißt Rühmkorf, nicht – kopf 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Danke! Ich hatte ihm auch einen völlig falschen Vornamen gegeben. Das hat jemand auf Twitter bemerkt… 😉
      Zusammen kriegen wir dann vielleicht sogar einen halbwegs vernünftigen Beitrag hin. 😂
      Eigentlich dürfte ich in den Schulferien gar nicht bloggen. Das Szenario ist dann nämlich immer das, daß ich mangels Schreibtisch auf dem Bett liege und tippe und die Kinder neben mir auf und ab hopsen. 🤣
      Ich les dann zwar dreimal Korrektur, aber am Ende merkt man doch immer sehr, welche Beiträge ich geschrieben habe,
      wenn die Kinder in der Schule waren und wenn sie zuhause sind. 😉
      Liebe Grüße zurück,
      Andrea

      Gefällt 1 Person

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