Review: Das Seelenhaus

Anfang des Jahres habe ich ja erzählt, daß es mein guter Vorsatz ist, meinen SUB stark zu reduzieren. Mittlerweile habe ich schon für einige Bücher ein neues Zuhause gefunden, andere wollte ich nun endlich mal lesen.
So auch „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent. Nach mittlerweile fast fünf Jahren auf dem SUB hätte ich mich eigentlich schon davon trennen sollen.
Der Titel erschien damals und versank auch schon bald darauf wieder in der Versenkung, also brauchte ich ihn nun wirklich nicht mehr lesen, um ihn in der Buchhandlung zu empfehlen.
Trotzdem fiel es mir schwer, „Das Seelenhaus“ wegzugeben.
Warum? Nun, das Buch spielt auf Island, meinem liebsten Ort auf der Welt, und so wurde es im Lauf der letzten Jahre immer wieder in die Hand genommen, um es auszusortieren, nur um es dann doch wieder zurück ins Regal zu stellen.
Diesen Monat habe ich es nun endlich gelesen.

Island, im Jahr 1829. Die Magd Agnes Magnusdottir wird nach dem Mord an ihrem Dienstherren zum Tode verurteilt. Da es aber kein Gefängnis auf der Insel gibt und man noch eine Bestätigung des Urteils durch den dänischen König, dem Island seinerzeit unterstellt war wartet, wird Agnes bis zur Vollstreckung des Urteils auf einem Bauernhof untergebracht.

Dort ist man wenig begeistert von dem ungebetenen Gast. Margret und ihr Mann Jon sorgen sich um das eigene Leben und das ihrer Töchter, schließlich könnte Agnes sie jederzeit im Schlaf ermorden, wie sie es schon mit ihrem Herrn Natan getan hat. Trotzdem kann sich Agnes relativ frei auf dem Hof bewegen und beginnt, dort wie eine Magd zu arbeiten.

Als Beichtvater wird ihr der junge Vikar Toti zur Seite gestellt, der aber schon bald merkt, daß Agnes kein Interesse an Buße und Beichte hat. Statt dessen lässt er sie ihre Geschichte erzählen; von ihrer Kindheit, die sie als Mündel der Gemeinde verbrachte, über ihre Zeit als Magd auf verschiedenen Höfen, bis hin zu ihrer Liebe und der Beziehung zu Natan, die ein so schlimmes Ende nahm.

In dem engen Torfhaus wird die ganze Familie zu Zuhörern von Agnes Geschichte und besonders Margret wird mit der Zeit klar, daß mehr dahinter steckt, als die Richter hören wollten…

Ich lese ja nicht mehr viele historische Romane. Irgendwie scheint die Handlung immer demselben Schema zu folgen, doch bei „Das Seelenhaus“ wurde mir im Lauf der Geschichte bewusst, daß es sich hier um keinen dieser typischen Wohlfühlromane handelte.
Als ich dann googelte stellte sich heraus, daß es Agnes Magnusdottir wirklich gegeben hat. Sie war der letzte Mensch, der auf Island zum Tode verurteilt wurde, und ihr Schicksal beschäftigt die Leute dort wohl bis heute, denn vor einigen Jahren wurde der Fall rekonstruiert und sozusagen „neu“ verhandelt.

„Das Seelenhaus“ ist ein leicht geschriebener Roman, allerdings mit einer bedrückenden Geschichte, die den Leser schnell gefangen nimmt.

Anfangs habe ich ja geschrieben, daß sich das Buch in der Zeit, die es auf meinem SUB verbrachte eigentlich schon selbst überlebt hat, aber wie es der Zufall so will, wird es wohl demnächst wieder populärer werden…
Denn während Hannah Kent in Deutschland nicht zu den bekanntesten Autoren zählt, hat sie im englischsprachigen Raum eine große Fangemeinde und „Das Seelenhaus“ wird demnächst unter dem englischen Titel „Burial Rites“ mit Jennifer Lawrence in der Hauptrolle verfilmt.

Ein Glück also, daß ich diesem Buch nach all den Jahren doch noch eine Chance gegeben habe!

Werbeanzeigen

Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

9 Kommentare zu „Review: Das Seelenhaus“

  1. Aaah, es freut mich, dass du es dir doch so bald vorgenommen hast und es dir so gut gefallen hat 🙂 Ich mochte die Geschichte auch sehr, auch wenn sie ziemlich bedrückend war. Schöne Rezension ❤

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, ich bin wirklich froh, daß ich es nicht aussortiert habe…
      Beim googeln bin ich dann darüber gestolpert, daß im Museum in Reykjavik der Holzblock und die Axt ausgestellt sind. Wusstest du das?
      Es ist mir eiskalt den Rücken hinunter gelaufen, als ich Bilder davon gesehen habe… 🙁
      Danke nochmal für den Tipp.

      Gefällt 2 Personen

      1. Oh mein Gott, nein, das wusste ich nicht! Das ist wirklich eine unheimliche Vorstellung, besonders nachdem man Agnes Geschichte so mitverfolgt und mit erlebt hat… uah. Da schaudert’s mich auch!

        Gefällt mir

  2. Ja, das fand ich manchmal zu schade, dass man vor lauter Jogis nicht mehr zu seinen Büchern kam. Denn was du beschreibst hat sich ganz offensichtlich gelohnt. Und auch mir ergeht es mittlerweile so, dass ich mit geschichtlichen Romanen gesättigt bin, gerade diese mit Frauen im Mittelpunkt, die oft in diese Klischees abdriften. Aber dies klingt wahrlich nicht so!
    Liebe Grüße
    Nina

    Gefällt 1 Person

    1. Jogis? Was hat Autokorrekt mir denn da vorenthalten? Novis vielleicht? 😉
      Ja, irgendwann kann man historische Romane einfach nicht mehr sehen… Eine Frau verschleiert ihre wahre Identität, zum Beispiel, indem sie sich als Mann verkleidet, um im Leben voran zu kommen. Ein junger, attraktiver Mann entwickelt Gefühle für sie, die nicht sein dürfen…
      Doch dann offenbart sie ihm ihre wahre Identität und plötzlich ist ihre Liebe doch wieder möglich…
      Tausendmal gelesen, sowas…
      Nein, so ist „Das Seelenhaus“ definitiv nicht!
      Liebe Grüße zurück,
      Andrea

      Gefällt 1 Person

    1. Ich war vor vielen Jahren in Island und hatte diese wunderbare Landschaft beim Lesen auch sofort wieder bildhaft vor Augen.
      In ein Torfhaus haben wir es damals leider nicht geschafft, aber ich habe als Kind die Serie Nonni und Manni gesehen und immer wieder daran denken müssen.
      Ich bin wirklich gespannt, wann und ob es dann tatsächlich verfilmt wird. Das Thema scheint ja für Hollywood etwas düster zu sein, so ohne Happy End…

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s