Review: Befreit – Wie Bildung mir die Welt erschloss

Schon auf Englisch fiel mir die Autobiografie „Educated“ immer wieder ins Auge. Nicht zuletzt wegen des originellen Covers, das bei genauerem Hinsehen mehr zeigt, als nur eine Bleistiftspitze.

Nun ist „Befreit – Wie Bildung mir die Welt erschloss“ auch auf Deutsch erschienen und ich war sehr gespannt auf Tara Westovers Geschichte.
Denn obwohl sie erst mit siebzehn Jahren eine Schule besuchte, hat sie doch in kurzer Zeit eine überraschend steile akademische Karriere hingelegt.
Da stellt man sich natürlich die Frage, was sie in den sechzehn Jahren davor gemacht hat…

Tara wächst als jüngste von sieben Geschwistern auf dem Buck Peak auf, einem Berg in der Wildnis Idahos.
Ihr Vater betreibt dort einen Schrottplatz, auf dem er alte Autos ausschlachtet und sich und seine Familie auf das baldige Ende der Welt vorbereitet. Denn Taras Vater ist ein religiöser Fanatiker, der das ohnehin schon konservative Mormonentum auf eine regelrecht extreme Weise auslegt.
Die Kinder dürfen nicht in die Schule gehen, da sie dort eine Gehirnwäsche von den Illuminaten bekommen würden. Also arbeiten sie schon recht früh auf dem Schrottplatz mit, auf dem die Arbeitssicherheit alleine in Gottes Händen liegt.
Ständig kommt es zu schwerwiegenden Verletzungen, Verbrennungen dritten Grades, ein abgetrennter Finger scheint niemanden mehr zu schockieren.
Doch einen Arzt aufzusuchen kommt für die Familie nicht in Frage. Schließlich sind die  Ärzte (ihr ahnt es vielleicht schon) Illuminaten, die die Menschen mit Medikamenten vergiften wollen.

Und so werden am Buck Peak fleißig Atomschutzbunker gegraben, Waffen versteckt und Vorräte gehortet.

Für Tara ist die paranoide Atmosphäre in der sie aufwächst normal, doch als sie ein Teenager wird, nimmt der Druck auf sie mehr und mehr zu.
Denn junge Frauen könnten jederzeit zu „Huren“ werden, und so beginnt ihr älterer Bruder Shawn, Tara mit körperlicher Gewalt und psychischem Missbrauch gefügig zu halten.

Doch Tara merkt, daß etwas in ihr schlummert, das mehr will, als nur Ehefrau und Mutter zu sein. Zumal ja nicht gesagt ist, daß sie die einzige Ehefrau ihres Mannes wäre.

Und so überredet sie ihr Bruder Tyler, der den Schrottplatz verlassen und eine Schule besucht hat, sich selbst am College einzuschreiben.
Tara beginnt zu lernen und erhält tatsächlich einen Studienplatz.
Zähneknirschend stimmen ihre Eltern letztendlich zu, daß Tara Musiktheorie studieren darf um später einmal den Kirchenchor zu leiten, doch als sie den Buck Peak verlässt, wird ihr klar, daß es in der Welt mehr gibt, als die fanatischen Ansichten ihres Vaters.

Ein Wendepunkt kommt, als sie über ein Wort stolpert, daß sie noch nie gehört hat: „Holocaust“. Die Reaktion ihrer Kommilitonen auf ihre Frage, was das denn sei, führt ihr vor Augen, wie klein die Welt, in der sie bisher gelebt hat doch ist, und so trägt sie sich in immer mehr Kurse jenseits von Musiktheorie ein, um ihren Horizont zu erweitern.

Doch damit nehmen auch die Spannungen mit ihrer Familie mehr und mehr zu.
Bald schon wird Tara klar, daß sie sich zwischen einem selbstbestimmten Leben und ihrer Familie entscheiden muss und daß der Preis, den sie für ihre Bildung zahlen muss sehr hoch ist…

„Befreit“ war ein Buch, das ich kaum aus der Hand legen konnte, so sehr nahm mich Tara Westovers Geschichte gefangen.
Teilweise war es schwer weiterlesen, so schmerzhaft sind die Beschreibungen der Gewalt, die ihr von ihrem Bruder angetan wird und der darauffolgenden Rechtfertigung oder Verleugnung durch die Eltern.

Trotzdem ist „Befreit – Wie Bildung mir die Welt erschloss“ ein unheimlich lesenswertes Buch. Es eröffnet dem Leser völlig neue Welten und beschreibt ganz unmittelbar, wie traumatisch es sein kann, in einer religiös fanatischen Umgebung aufzuwachsen und wie schwer es ist, aus dieser Welt auszubrechen, wenn es die einzige ist, die man kennt.

Wen Unorthodox von Deborah Feldman fasziniert hat, der sollte auf jeden Fall einen Blick in „Befreit“ werfen.

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Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 19 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit knapp einem Jahr gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

11 Kommentare zu „Review: Befreit – Wie Bildung mir die Welt erschloss“

  1. Das Ausbrechen und die unmittelbare Zeit danach sind das Schwerste, die größten Hürden. Ist eins erst einmal eine Weile aus diesen Strukturen draußen, kann der Heilungsprozess und ein selbstbestimmtes Leben beginnen.
    Bildung ist Freiheit. Bildung hat das Recht eines jeden Menschen zu sein, kein Privileg einiger weniger. Bildung ist ein Recht, zu dem noch immer viel zu vielen der Zugang verwehrt bleibt. Leider gibt es noch zu viele, die der Ansicht sind, dass dies ausschließlich und in jedem Fall an mangelnder Leistung liege, und den Fakt leugnen, dass Zugang zu Informationen und Bildung nicht unwesentlich von sozialem Status, Geldbeutel und Einstellung zu Bildung im familiären Umfeld abhängen.

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    1. Absolut. Nun habe ich ja selbst ein schulpflichtiges Kind und ich weiß, wie wichtig es ist, beim Lernen zu helfen. Oder ganz grundlegende Dinge zu erklären, zum Beispiel, wie man bei Tests am besten vorgeht…
      Kinder von Eltern, die nicht den Luxus haben, zur Hausaufgabenzeit daheim zu sein und immer mal wieder zu unterstützen, wenn ein Zusammenhang nicht klar ist, sind dann oft aufgeschmissen.

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      1. Ja… Und das bißchen Förderunterricht, was die Schule anbietet kann das nie und nimmer auffangen.
        Jetzt ist mein Sohn echt nicht auf den Kopf gefallen, aber ich bin jede Woche mehrere Stunden damit beschäftigt, ihn abzufragen oder herauszufinden, warum es ihm schwer fällt, Brüche zu kürzen und dann gezielte Übungen zu finden.
        Und dabei bin ich noch nicht mal eine dieser Gynasiastenmamas, deren Kind unbedingt Karriere machen muss. 😉

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  2. Will das Buch auch unbedingt lesen. Unfassbar, dass die Behörden solches „Homeschooling“ zulassen. Ich dachte immer, das geht nur, wenn die Eltern entsprechende Bildung und Eignung nachweisen können, anscheinend reichen aber schon religiöse Gründe. Das Land der Freien schafft leider auch Zustände, die ihre Opfer letzten Endes zu Unfreien weil Ungebildeten machen. Westover dürfte mit ihrer Begabung ein Ausnahmefall sein.

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    1. Ich weiß selber nicht, wie die Regeln zu Homeschooling in den USA sind. Vermutlich auch von Bundesstaat zu Bundesstaat anders.
      In Taras Fall war es allerdings sogar so, daß die meisten Kinder zu Hause geboren und nicht gemeldet wurden.
      So hatte Tara keine Geburtsurkunde bis sie neun war und das war dann auch noch relativ kompliziert, weil sich niemand mehr an ein genaues Datum erinnern konnte, wann sie geboren wurde, also gab es verschiedene Daten, die sich gegenseitig widersprochen haben.
      Alles sehr grenzwertig.
      Ihre Schwester ist wohl irgendwo zwischen Viert- und Fünftklassniveau stecken geblieben und unterrichtet jetzt ihre eigenen Kinder selbst. 😖

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  3. Also, dieses Buch interessiert mich nun aber auch ungemein! Und dein Hinweis mit dem Cover hat mich zum zweiten hingucken bewegt, nicht nur eine Bleistiftspitze, sondern auch eine Kerzenflamme, genial! Denn Bildung ist Licht!
    In welch einer destruktiven Umgebung die Autorin da aufgewachsen ist, ist ja kaum zu fassen, und vor allem, daß es in heutigen Zeiten tatsächlich noch so etwas gibt. Welch ein Wirrwarr an Verschwörungstheorien und krusem Zeug samt religiösem Fanatismus, was da an die Kinder weitergegeben wird, kann man sich gut vorstellen, wie mühsam es ist, sich selbständig daraus zu befreien. Da ist der Preis für Bildung wirklich hoch, denn jeder ist doch unmittelbar auch mit seiner Familie verwurzelt, die Bildung bedeutet aber hier doch einen Bruch.
    Danke fürs vorstellen, ich wünsche dir einen schönen Sonntag, liebe Grüße
    Monika.

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    1. Wenn man auf dem Cover ganz genau schaut, erkennt an eine kleine Figur, die einem Schwarm Vögel hinterherschaut. Die Holzsplitter der Bleistiftspitze sind dann die Bergspitzen und Täler.
      Sehr schön!
      Ich bin auch immer wieder völlig überrascht, wenn ich von Gleichaltrigen lese, deren Lebensgeschichte komplett aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Als hätte die Geschichte vor hundert Jahren gespielt und nicht vor zehn.
      Dir auch einen schönen Sonntag!
      Liebe Grüße zurück,
      Andrea

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