Review: Nobody is Ever Missing

Letztes Jahr habe ich ja eher verhaltene Kritiken zu Catherine Laceys Roman „Niemand verschwindet einfach so“ gelesen… Aber dieses Titelbild!
Also hab ich mich mal wieder zu einem Cover-Kauf hinreißen lassen.
Ob es sich dann doch noch gelohnt hat?

Elyria beschließt eines Tages, einfach so zu verschwinden.
Weder ihr Ehemann, noch ihre Mutter oder Freunde wissen Bescheid, als sie sich ein One-Way-Ticket nach Neuseeland kauft und ins nächste Flugzeug steigt.
Doch einen wirklichen Plan hat auch Elyria nicht. Sie trampt durch das Land, versucht, irgendwo unterzukommen, doch all das passiert erschreckend antriebslos.
Eigentlich würde Elyria wohl am liebsten komplett verschwinden, doch irgendwann stellt sie fest, daß es mit dem Verschwinden nicht so einfach ist, denn man selbst weiß ja immer noch, wo man steckt.

Nein, wirklich warm wird man nicht mit Elyria, denn es ist nicht leicht, ihre Beweggründe zu verstehen. Ist es die lieblose Ehe mit einem Mann, der ihr manchmal Angst macht, die sie zur Flucht veranlasst hat? Loslassen kann sie ihn scheinbar nur schwer.
Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter und der Selbstmord der Schwester geistern immer am Rande durch die Geschichte, ohne wirklich aufgearbeitet zu werden.

Es hat mich ein bißchen frustriert dieses Buch zu lesen, in dem eine Frau offenbar eine neue Richtung im Leben sucht, sich treiben lässt, aber dann zu lethargisch ist, um auf Kurs zu kommen.
Dabei passiert kaum etwas, außer daß Elyria ihren Gedanken nachhängt, und weil die sich auch gerne mal im Kreis drehen, schweift man selbst schnell ab.
Zumindest ertappte ich mich ständig, wie ich begann meinen Gedanken nachzuhängen.

Und eigentlich ist es schade, denn das Buch hätte wirklich Potential gehabt.
Zwischen all den Gedankenspiralen verstecken sich ganz wunderbare Sätze und auch die Grundidee – ein absoluter Bruch mit dem bisherigen Leben – fand ich wahnsinnig spannend.

Manchmal stehe ich auf dem Nachhauseweg am Bahnhof und lese, in welche Richtungen die nächsten Züge fahren. Und dann denke ich mir – nur ganz kurz – wie es wohl wäre, mit nichts als dem, was ich gerade in meiner Handtasche habe in den Zug nach Florenz zu steigen und zu sehen, was passieren würde.
Natürlich werde ich das nie tun, denn daheim warten meine Kinder auf mich, also verzichte ich gerne auf so ein spontanes Abenteuer.
Aber die Idee bleibt und ich kann mir vorstellen, daß sich die meisten Leute gelegentlich fragen, wie es wäre, plötzlich aus den gewohnten Bahnen auszubrechen.

„Nobody is Ever Missing“ versucht zwar, eine solche Geschichte zu erzählen, dreht sich dann aber nur im Kreis. Deshalb war es leider eine Enttäuschung für mich.

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Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 19 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit knapp einem Jahr gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

10 Kommentare zu „Review: Nobody is Ever Missing“

  1. hm, kann ich verstehen, dass es Dich nicht so gepackt hat
    für mich ist reisen immer etwas Aufregendes, Weg! Ziel! und weil man fremd ist, auch immer etwas Mutiges
    selbst sich treiben lassen, vor sich hin tingeln, das ist doch mehr, als sich nicht mehr zu bewegen, was für mich als Konsequenz auf das Erlebte der Hauptperson eher passen täte, oder sich einfach irgendwo *verstecken*
    denn wie Du schon schreibst, man kann ja nun mal nicht vor der eigenen Person davon laufen, schon gar nicht, wenn man alleine unterwegs ist
    liebe Grüsse
    Nina
    Ps, ja das Cover ist wirklich schön

    Gefällt 1 Person

    1. Vor ein paar Jahren habe ich mal eine englische Kurzgeschichte von Sloane Crossley gelesen, die autobiographisch angehaucht und ganz ähnlich war.
      Auch sie steigt eines Tages kurzentschlossen ins nächste Flugzeug, landet in Lissabon, weiß nicht, was sie mit sich anfangen soll und streift leicht depressiv durch die Stadt…
      Aber dann kommt der Kniff: irgendwie gelangt sie in den Besitz eines riesigen Barometers. Als sie dann versucht, zurück nach Amerika zu fliegen wird sie als Terroristin eingebuchtet, weil nämlich Quecksilber in so einem Barometer ist, und das kann sich (kein Mist!) offenbar durch eine Flugzeughülle fressen, wenn es austritt!
      Und natürlich macht sie ihr ganzes Verhalten im voraus, also die überstürzte Abreise, etc nur noch mehr verdächtig.
      Das war ein schöner Twist, der diese depressive Selbstfindungstrip-Geschichte dann wieder völlig verkehrt hat.
      Bei „Niemand verschwindet einfach so“ plätschert halt alles nur vor sich hin…

      Gefällt 1 Person

    1. Na, ein Glück, daß Geschmäcker so unterschiedlich sind, sonst wäre mein Beruf schrecklich langweilig! 😂
      Unvergessen der Tag, als mein Chef und ich uns an die Gurgel gegangen sind, weil er die neue Bulgakow Übersetzung tatsächlich besser fand als die alte. (An dieser Stelle kannst du dir gerne eine epische Schlachtenszene mit pathetischer Orchesteruntermalung vorstellen. 😉)
      Liebe Grüße zurück!

      Gefällt 1 Person

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