Review: Das weibliche Prinzip

Seit Monaten findet man dieses Buch ja auf sämtlichen englischsprachigen Blogs, nun ist Meg Wolitzers Roman „Das weibliche Prinzip“ endlich auf Deutsch erschienen und wird als das Buch zur #metoo-Debatte verkauft.
Zeit, mal einen Blick hineinzuwagen…

Der schüchternen Greer passiert, was leider viele Frauen erleben müssen; auf einer Studentenparty wird sie von einem Kommilitonen angegrapscht und verbal gedemütigt.
Greer versucht, das Geschehene zu vergessen, doch als immer mehr Frauen am Campus von eben jenem Studenten belästigt werden kommt es zu einer Anhörung, bei der auch Greer aussagt. Das Ergebnis ernüchtert: denn der Täter kommt ohne nennenswerte Strafe davon.
Frustriert überlegt Greer, was man tun könnte und als ihre beste Freundin Zee sie mit zur Rede der bekannten Feministin Faith Frank nimmt, fragt sie diese kurzerhand um Rat.
Auch Faith hat keine Lösung parat, drückt ihr aber ihre Karte in die Hand und so kommt es, daß Greer nach dem Studium einen Job in Faiths Organisation bekommt.
Zunächst ist Greer absolut begeistert davon, mit Faith zusammen zu arbeiten. Sie ist ihr großes Vorbild und in Greers Vorstellung fast schon so etwas wie ein Mutterersatz.
Doch die Gute Sache rückt mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund. Statt Frauen in Not zu helfen geht es bald nur noch um Benefizveranstaltungen mit der reichen Elite.
Als Greer dann auch noch feststellt, daß Gelder für missbrauchte Frauen veruntreut wurden, kommt es zum Bruch…

Doch an dieser Stelle könnte ich auch eine völlig andere Inhaltsangabe schreiben:

Greer und ihr Freund Cory sind seit der Highschool ein Paar. Obwohl sie in unterschiedliche Colleges gehen und Cory später beruflich nach Manila versetzt wird, schaffen sie es irgendwie, ihre Beziehung aufrecht zu erhalten.
Doch dann kommt es zu einem schrecklichen Schicksalsschlag und Cory, der immer so zielstrebig und ehrgeizig war, wird komplett aus der Bahn geworfen.
Und während Greer Karriere macht, versucht er die Scherben seines Lebens wieder zusammen zu setzen…

Das hört sich nach zwei völlig verschiedenen Geschichten an, trotzdem stimmen beide Inhaltsangaben.
Und da sind wir auch schon bei dem Kritikpunkt, den ich zu diesem Buch habe. Es kommt mir schrecklich überladen vor.
Da haben wir die #metoo-Debatte mit Greer, Faith die ein absolutes Idol für Greer ist und die ihren Prinzipien nicht so treu ist, wie es scheint (an sich schon Stoff genug für ein eigenes Buch), Greers Freundin Zee, die aktiv etwas verändern möchte, feststellt daß Aktivismus alleine keine Mieten bezahlt und die eher zufällig in einen Beruf stolpert, der sie erfüllt und Cory, dem fast schon klischeehaften Millennial; gut ausgebildet, zielstrebig und erfolgreich, der sein Leben so durchgeplant hat, daß er in Zeiten der Krise alles hinwirft (eigentlich auch ein Buch für sich).

Meg Wolitzer schafft wirklich wunderbare Charaktere, die mir sofort nahe waren, aber dadurch, daß sie in diesem Buch so viele Themen aufgreift, kam mir keines wirklich ausgereift vor.

Auch, daß dieser Roman so wichtig zum Thema sexuelle Belästigung und Feminismus sein soll kann ich nicht nachvollziehen. Denn alles wird nur oberflächlich angeschnitten, nichts wirklich in die Tiefe gedacht.
Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, daß dieser Handlungsstrang ein wenig gezwungen wirkte.
Vielleicht war es anfangs eine einfache Geschichte von zwei Menschen, die sich immer weiter auseinander entwickeln und darüber, daß die junge Generation so damit beschäftigt ist, ihr Leben zu planen, daß sie mit Krisen nicht mehr umzugehen weiß…

So gesehen ist es ein gutes Buch. Es lässt sich leicht lesen, hat dreidimensionale Charaktere und greift einige Themen auf, über die man sich weitere Gedanken machen kann.
Wer allerdings auf den Roman zur Feminismus-Debatte hofft, der wird wohl hier eher enttäuscht werden.

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Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 19 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit knapp einem Jahr gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

12 Kommentare zu „Review: Das weibliche Prinzip“

    1. Ja, die ganze Feminismus Geschichte kam mir ein wenig vor, wie ein Nachgedanke.
      Letztendlich ist es für die Handlung absolut unerheblich, daß Greer für eine feministische Organisation arbeitet. Man hätte exakt die selbe Geschichte mit jeder xbeliebigen Wohltätigkeitsorganisation erzählen können können.
      Ich hab ein bißchen das Gefühl, daß diese dünne Feminismusgeschichte auf Teufel komm raus als Aufhänger herhalten musste, weil man es so vermarkten wollte.
      Ich fand es nicht schlecht, aber man hätte sich meiner Meinung nach auf ein Thema festlegen sollen und das dann gescheid vorantreiben.

      Gefällt 1 Person

      1. In solchen Fällen mache ich immer gerne ein Gedankenspiel: Ich überlege mir, wie ich das Buch gefunden hätte, wenn es einen anderen Titel gehabt hätte. Und dann denke ich, hätte ich nicht noch bis Seite 400 oder so darauf gewartet, daß irgendetwas profundes zur #metoo Debatte gesagt würde.

        Gefällt 1 Person

  1. Danke für die Rezension. Ich wollte dieses Buch lesen, weil mich die feministischen Aspekte daran interessieren. Jetzt wo ich höre, dass die darin keine so große Rolle spielen, habe ich nicht mehr so viel Interesse daran. Es ist auf jeden Fall gut, die von dir angesprochenen Kritikpunkte, zu wissen.

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