In vollen Zügen nach… Hamburg | Tag 2: Hamburg, meine Bücherperle

Nachdem ich ja schon von meinem ersten Tag in Hamburg berichtet habe, an dem ich mich dem Team der drei ??? angeschlossen habe, gibt es nun endlich meinen Bericht über die schönen Buchhandlungen, die ich besucht habe.

Ich weiß, daß es dort noch viele, viele andere schöne Läden gibt, die mir zum Teil wärmstens empfohlen wurden. Da ich aber an dem Tag auch noch auf einer Hochzeit eingeladen war, konzentrierte ich mich auf die Buchhandlungen in der Innenstadt.

Trotz der verhältnismäßig kleinen Fläche, auf der die Läden verteilt sind, war ich begeistert, wie unterschiedlich die drei Buchhandlungen sind, die ich euch jetzt vorstellen möchte.

Marissal Bücher am Rathaus

2018-05-19_14.02.24

Als ich diese Buchhandlung betrat, hätte ich fast ein bißchen weinen können, denn ich fühlte mich sofort in meine Kindheit und Jugend zurückversetzt. Der Geruch, die Beleuchtung und das Mobiliar… alles erinnerte mich an die kleinen Buchhandlungen meiner Kindheit, die in mir den Wunsch geweckt hatten, Buchhändlerin zu werden.

Eigentlich haben sich Buchhandlungen wie Marissal schon seit Jahren überlebt, wurden aufgegeben oder rigoros modernisiert.
Hier haben wir aber noch eine richtige Bücherhöhle, in der sich in den letzten vierzig Jahren vermutlich wenig verändert hat.
Etwas abgestoßenes Eichenfurnier, Schieberegale zur maximalen Flächennutzung, und weil es bei der letzten Renovierung des Ladens wohl noch keine Hörbücher auf CD gab wurden Verkaufsboxen einfach dazuimprovisiert.

Wer jetzt aber denkt, daß Marissal ein eingestaubter Laden ist, der irrt sich gewaltig. Das geübte Auge erkennt sofort, daß man sich hier sehr um die Bücher kümmert, sie in Folie verpackt, falls nicht vorhanden und die Backlist regelmäßig aussortiert.

Die Auswahl ich wirklich groß; im Erdgeschoß findet man hauptsächlich Romane, von dort aus gelangt man über eine gewundene Treppe auf eine verwinkelte Balustrade. Hier gibt es dann Kinder- und Jugendbücher, sowie Sachbücher. Besonders was Reiseliteratur angeht, wurde hier gut bestückt.

Marissal war für mich Liebe auf den ersten Blick, weil ich so nostalgisch wurde und am Liebsten hätte ich die Buchhandlung, so wie sie ist, eingepackt und mit nach Hause genommen.

Marissal – Buchhandlung am Rathaus
Rathausmarkt 7
20095 Hamburg

stories!

2018-05-19_13.54.25

Anschließend ging es ein paar Strassen weiter, ins Hanseviertel, wo man in einer überdachten Passage eine der beiden stories!-Filialen finden kann.
Von dem stories!-Konzept haben wir Buchhändler sogar hier in Bayern schon viel gehört, also musste ich mir das unbedingt mal selbst anschauen.

Die Idee dahinter ist eigentlich das komplette Gegenteil von Buchhandlungen wie Marissal. Hier wird die Backlist bewusst schlank gehalten und ausgewählte Lieblingsbücher werden in Rahmen präsentiert.

Man merkt sofort, daß die Buchhändler hier keine reinen Waren-Verkäufer sind, sondern beinahe schon Kuratoren, die ihren Kunden ein handverlesenes Sortiment voller persönlicher Highlights präsentieren.

In der Filiale im Hanseviertel findet man hauptsächlich Belletristik, Kinder- und Jugendbücher und hochwertige Bildbände.

Ich fand das Konzept wahnsinnig spannend und auch wirklich schön zu sehen, wie der Beruf des Buchhändlers so aufgewertet wird. Weg von dem Versuch, ein möglichst umfassendes Angebot zu bieten, hin zu einem Laden, in dem jedes Buch mit viel Liebe ausgewählt wurde.

Mein Freund hatte allerdings seine Probleme mit dieser Buchhandlung, die ich zum Teil auch nachvollziehen kann.
Zwei der Bildbände hätten ihn interessiert, doch der eine war noch eingeschweißt, der andere in einem Rahmen, der so weit oben war, daß er ihn (obwohl er nun wirklich nicht klein ist) nicht erreichen konnte.
Als er mir das erzählte, lachte ich zunächst und meinte: „Du, wir Buchhändler werden dafür bezahlt, daß wir verschweißte Bücher öffnen und eine Trittleiter bedienen können!“
Aber er ließ das nicht gelten: „Ich möchte Bücher für mich selbst entdecken!“, rief er leicht genervt.
Und irgendwie hat er damit auch recht.
Das stories!-Konzept lädt dazu ein ins Gespräch zu kommen, doch Kunden, die eher schüchtern sind, oder einfach nur stöbern wollen können sich leicht davon eingeschüchtert fühlen, ein Buch aus seinem Rahmen zu nehmen und dadurch eine Lücke zu hinterlassen.

Trotzdem finde ich die Idee wahnsinnig spannend!

stories! im Hanseviertel
Große Bleichen 36
20354 Hamburg

Felix Jud

2018-05-19_13.14.40

Bevor es Zeit war, sich für die Hochzeit in Schale zu werfen, war aber noch ein Besuch bei Felix Jud fällig, einem Laden, der die in Büchern über die schönsten Buchhandlungen immer wieder auftaucht.

Ich muss sagen, daß ich hier nur noch kopfschüttelnd stand, denn die Buchhandlung Felix Jud zeigt all den Existenzängsten der Branche den wohlmanikürten Mittelfinger.

Taschenbücher sind hier Mangelware. Hier gibt es sehr gute, sehr hochwertige Bücher und nicht einen Fingerbreit weniger.
Die aktuellen Neuerscheinungen passen auf einen einzigen Tisch. Hier wurde rigoros ausgesiebt.
Beliebte Reihen wie „Alle Toten fliegen hoch“ von Joachim Meyerhoff gibt es natürlich, aber als Taschenbuch? – Fehlanzeige! Da stehen die gebundenen Ausgaben schön nebeneinander im Regal.
Dabei hat man aber nicht das Gefühl, daß es sich hier um Ladenhüter handelt, nein, hier ist das Konzept.

Neben den Romanen gibt es auch einen Bereich mit schönen Sachbüchern, ausgewählten Kinderbüchern und dazwischen Kunst und kleine Skulpturen und eine Etage mit antiquarischen Büchern hinter Glas.

Den Kern des Ladens stellt wohl die riesige Klassikerabteilung dar, die einfach durchzieht, was sich seit Jahren kein Buchhändler mehr traut.
Hier findet man Reihen wie Manesse, die Insel Bücherei und sogar meine geliebten Clothbound Classics nahezu vollständig.
Thomas Manns Werke in der Frankfurter Ausgabe? – Klar, alles hier drüben! Und weil es so schön ist haben wir uns gleich noch die große Kommentierte Frankfurter Ausgabe daneben gestellt!

Jeder Steuerberater müsste angesichts des Wareneinsatzes, der hier betrieben wird, kurz vorm Herzinfarkt stehen. Jeder Bibliophile hingegen erlebt einen Buchgasmus nach dem anderen.

Wie lässt sich eine Buchhandlung mit einem so radikal hochwertigem Sortiment dauerhaft wirtschaftlich führen? – Keine Ahnung… offenbar gibt es hier eine sehr erlesene, gut betuchte und verdammt treue Stammkundschaft.

Auf der Suche nach exquisiten Büchern ist Felix Jud wohl einfach die Adresse in Hamburg!

Felix Jud – Buchhandlung, Kunsthandlung & Antiquariat
Neuer Wall 13
20354 Hamburg

Ich kann nur sagen, daß es mir eine absolute Freude war, so unterschiedliche und einzigartige Buchhandlungen auf einer relativ kurzen Strecke zu sehen.
Jeder dieser Läden hatte etwas, was ihn einzigartig und sympathisch machte.

Vor kurzem sorgte ja eine deutsche Jugendbuchautorin auf ihrem Blog für einen ziemlichen Aufreger…
Die Besitzerin einer kleinen, unabhängigen Buchhandlung und Fan der Autorin hatte sie gefragt, ob es denn nicht vielleicht eine gute Idee wäre, wenn sie statt immer nur auf Amazon zu verlinken auch kleine Unternehmen, zum Beispiel über Buy Local, vernetzen könnte.
Die Antwort der Autorin war für viele Buchhändler ein ziemlicher Schlag in die Magengrube…
Sinngemäß meinte sie, daß alle Buchhändler mal bitte leise sterben gehen könnten… Schließlich hätten die sie nicht unterstützt, als sie noch keinen Verlag hatte, warum sollte also sie jetzt die Buchhändler unterstützen, und außerdem seinen sie selbst Schuld daran, wenn sie alle eingehen würden, denn den ganzen Einheitsbrei würde heutzutage eh keiner mehr sehen wollen.

Es sprach viel verletzter Stolz aus dem Beitrag der Autorin und auch wenig Kenntnis der Branche. Wenn ich sehe, wie unterschiedlich und einzigartig Buchhandlungen sein können, die alle praktisch nur einen Steinwurf voneinander entfernt liegen, wird klar, wie falsch die Anschuldigungen dieser Autorin sind.

Mein kurzer Ausflug nach Hamburg hat mir jedenfalls das buchhändlerische Herz gewärmt und ich freue mich schon auf mein nächstes Abenteuer aus der Kategorie In vollen Zügen nach…

Was haltet ihr von den verschiedenen Konzepten?
Liebt ihr diese kleinen alten Buchhandlungen so wie ich oder habt ihr es lieber moderner?
Hättet ihr Berührungsängste dabei, ein ausgewähltes Buch aus seinem Rahmen zu nehmen, oder entdeckt ihr lieber eine versteckte Perle in einer Bücherhöhle?

Ich freue mich schon auf eure Kommentare!

Liebe Grüße,
Andrea

Was bisher geschah:

In vollen Zügen nach… Hamburg | Tag 1: Die drei ??? und die weinende Frau

2018-05-20_14.58.21

Advertisements

Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 19 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit knapp einem Jahr gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

13 Kommentare zu „In vollen Zügen nach… Hamburg | Tag 2: Hamburg, meine Bücherperle“

  1. Buchgasmus… 😀
    Da musste ich sehr grinsen. Ich persönlich finde das Konzept, des dritten von der vorgestellten Ladens, also Felix Jud, genial. Ich kaufe nämlich gerne Hardcover und wenn sie nicht topaktuell sind, bekommt man sie in den „normalen“ Buchhandlungen selten, sondern muss sie erstmal bestellen. Klar, am nächsten Tag sind sie meistens da, aber gerade wenn man mal nur einen Tag irgendwo ist und dann das tolle Buch, das man sich gerade eingebildet hat, nicht bekommt, dann stinkt es mir meist und dann bemühe ich doch mal den großen Onlinehandel.
    Gerade die Spezialisierungen zeigen mir, dass sich die Buchhändler da wirklich was dabei denken und auch ihre Zielgruppe im Kopf haben. Mit so einem Konzept geht man hoffentlich nicht so schnell unter.

    Gefällt 1 Person

    1. Absolut… Ich wünsche wirklich all diesen Buchhandlungen, daß sie noch lange so weiter machen können.
      Die verschiedenen Konzepte fand ich irre spannend. Man müsste vielleicht noch dazu sagen, daß die Läden wirklich nah beieinander liegen, zum Teil auch noch in Sichtweite einer großen Thalia Filiale.
      Aber ich denke, daß sie sich alle so voneinander abheben, daß jede Buchhandlung dort ihre Stammkunden hat und hoffentlich auch hält.

      Gefällt 1 Person

  2. Ich finde es schön, dass es (noch) so viele verschiedene Konzepte für unterschiedliche Käufertypen gibt. Allerdings wäre ich wahrscheinlich nur mit Marissal wirklich glücklich. Ich lese nicht so viele Hardcover (weil unpraktisch im Pendelverkehr) und für stories! wäre ich zu schüchtern.

    Gefällt 1 Person

  3. Oh wie wunderbar der Beitrag! Ja, Buchhändler und Buchhandlungen haben früher und heute die Hemmschwelle möglicher Kunden unterschätzt! Außerdem waren wir doch oft Besserwisser ich und sogar elitär. Gott sei Dank gibt es aber viele verschiedene Buchhändler und viele verschiedene Kunden!
    Eine meiner Lieblingsbuchhandlungen ist auf Rügen in Gingst und sehr individuell und sowohl dem schönen Buch (sowohl inhaltlich als auch äußerlich) als auch den Unterhaltungstiteln verschrieben! Nur ist sie viel zu weit weg…
    Auch wenn wir Leser oft mit dem Strom schwimmen, ist es toll, wenn es da Buchhändler gibt, die uns besondere Wege zeigen.
    Liebe Grüße
    Nina

    Gefällt 1 Person

    1. Ja… Man muss als Buchhändler schon darauf achten, die Kunden abzuholen und nicht vom Elfenbeinturm herunter zu predigen.
      Abholen und mitnehmen sag ich immer. 😉
      Da ist es wichtig, daß es so viele Buchhandlungen mit so unterschiedlichen Schwerpunkten gibt, so daß jeder Leser hoffentlich den perfekten Ort für sich findet.
      Liebe Grüße zurück!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s