Review: Alles über Heather

Vor einiger Zeit bin ich in der Arbeit über dieses dünne Büchlein gestolpert. Der englisches Titel „Heather, The Totality“ klang irgendwie vielversprechend und am selben Tag las ich dann auch noch eine hymnische Rezension… Kann das Zufall sein? Nein?
Also schnell her damit!

Heather ist das einzige Kind der Breakstones. Sie wächst behütet in der New Yorker High Society auf, für ihre Mutter Karen ist sie praktisch der gesamte Lebensinhalt.
Heather ist unheimlich hübsch, natürlich, mitfühlend, engagiert, strebsam und fleißig…
Kurz: der Traum jeder Mutter.
Als Heather langsam ins Teenageralter kommt, fühlt sie sich jedoch von der Liebe ihrer Mutter mehr und mehr erdrückt und so verschieben sich ihre Loyalitäten in Richtung ihres Vaters Mark.

Auf der anderen Seite steht Bobby Klasky, der Sohn einer heroinabhängigen Mutter, der schon früh eine sadistische Ader entwickelt.
Nach einer versuchten Vergewaltigung landet er im Gefängnis, wo er genug Zeit hat, über seine Fehler nachzudenken. Das erschütternde Ergebnis: hätte er das Mädchen ermordet wäre er ungestraft davon gekommen, da es außer ihrer Aussage keine Beweise gegen ihn gab.

Als Bobby aus der Haft entlassen wird, beginnt er für eine Baufirma zu arbeiten, die ausgerechnet das Haus der Breakstones saniert. Sobald er Heather begegnet weiß er, daß sie sein ultimatives Opfer sein wird…

Mit lediglich 120 Seiten ist „Alles über Heather“ ja ein wirklich kurzes Buch, trotzdem wird das Leben der Protagonisten in wenigen Sätzen so eindrucksvoll geschildert, daß man das Gefühl hat, die Personen genau zu kennen. Viele Autoren schaffen das auf 400 Seiten nicht!
Die Handlung steuert mit absoluter Unausweichlichkeit auf ein Zusammentreffen von Heather und Bobby zu, daß ich mir manchmal schwer tat, weiter zu lesen, so intensiv habe ich mitgefühlt.

Zeitweise war ich ein wenig an „Das Parfum“ von Patrick Süskind erinnert, allerdings fehlte mir das Verständnis von Bobbys Obsession, die ich bei Grenouille zumindest ansatzweise nachvollziehen konnte.

Das Ende kam dann recht abrupt. Fünf Seiten vor Schluss war noch alles offen und ich weiß nicht wirklich, ob ich mir da etwas mehr erhofft hatte.
Allerdings erinnert mich das ganze Buch auch an etwas, was mir ein Kunstdozent erklärte: Wenn man jeden Strich und jeden Punkt in einem Bild malt, dann sucht das Gehirn des Betrachters automatisch nach Fehlern. Wenn man aber nur Andeutungen macht, verwischte Linien und Schatten, dann wird das Gehirn des Betrachters die leeren Räume auffüllen und so wird das Bild wesentlich lebendiger werden.

Das klingt vielleicht ein bißchen paradox, aber für „Alles über Heather“ trifft es definitiv zu. Die Figuren werden mir jedenfalls noch länger im Kopf herumspuken…

Autor: Lesen... in vollen Zügen

Seit 20 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin in München und seit 2017 gibt es nun "Lesen... in vollen Zügen". Hier möchte ich euch vorstellen, welche Bücher mich gerade bewegen. Meine Beträge verfasse ich im Plauderton, eben so, wie ich auch mit meinen Kunden im Laden ins Gespäch komme. Der Schwerpunkt liegt dabei auf aktueller deutsch- und englischsprachiger Literatur. Aber ich bin auch ein großer Fan von schönen Illustrationen und stelle deshalb regelmäßig Graphic Novels und spannende illustrierte Sachbücher vor. Zu meinen Lieblingsautoren gehören Haruki Murakami, Banana Yoshimoto und Amélie Nothomb. Außerdem mache ich mir immer wieder Gedanken zum Thema Leseverhalten in der Rubrik Mein Leben als Leser und plaudere aus dem Nähkästchen in Bekenntnisse einer Buchhändlerin. Wem jetzt aber die Züge bei "Lesen... in vollen Zügen" zu kurz kommen, der kann gerne bei In vollen Zügen nach… vorbei schauen. Hier berichte ich von meinen Zugreisen, den Büchern, die mich dabei begleiten, den Städten die ich besuche und natürlich auch von schönen Buchhandlungen, die es dort zu entdecken gibt.

6 Kommentare zu „Review: Alles über Heather“

  1. oh ja, das Zitat von dem Dozenten kann man auch hervorragend auf das Schreiben und Literatur anwenden. Da übe ich mich auch gerade drin, in gewisser Weise „ungenauer“ zu schreiben, weil alles, was zu perfekt ist, schnell langweilig oder seltsam wirken kann, eine verdammt schwere Kunst, finde ich 🙂

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